Peter Schmidt:

Gedruckte Bilder in handgeschriebenen Büchern. Studien zum Gebrauch von Druckgraphik im 15. Jahrhundert
(Diss. Berlin 1995). Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003 (pictura et poesis 16).


Schmidt, Gedruckte Bilder...



Abstract

Druckgraphiken gehören schon seit der frühen Neuzeit zu den bevorzugten Objekten von Kunstsammlern. Weil auch die Erforschung der frühen Druckgraphik vom Charakter des Sammler- und Kennertums nicht ganz loskam, blieben wesentliche Fragen bislang offen. Diese betreffen vor allem die ursprünglichen Kontexte und Funktionen. Doch gehört zu den tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen, die das 15. Jahrhundert kennzeichnen, die neue Dimension des öffentlichen Informationsaustausches, die nicht zuletzt durch die neuen Techniken der mechanische Vervielfältigung möglich wurde. An deren Beginn stand nicht der gedruckte Text, sondern das gedruckte Bild. Schon ein halbes Jahrhundert vor Gutenbergs Durchbruch beim Druck mit beweglichen Lettern wurden Bilder mittels druckgraphischer Verfahren massenhaft reproduziert.

Das Aufkommen dieser Techniken – Holz- und Metallschnitt, Kupferstich und Teigdruck – konnte nicht ohne Auswirkungen auf den Umgang mit Bildern bleiben. Die massenhafte Vervielfältigung bedeutete die Erschließung breiterer Schichten von Benutzern und veränderte Funktionen von Bildern. Umgekehrt ist davon ausgehen, daß ein neuartiges Bedürfnis nach Bildern erst die Voraussetzungen für die Entwicklung der neuen Reproduktionstechniken schuf. Die Frage nach dem Bildgebrauch ist somit zentral für die Auseinandersetzung mit der frühen Druckgraphik als neuem Bildmedium. Bislang kaum ausgewertetes Quellenmaterial stellen Handschriften des 15. Jahrhunderts dar, zu deren Illustration und Schmuck Druckgraphiken eingeklebt, eingebunden oder eingedruckt wurden. Hier läßt sich der Kontext oftmals umfassend rekonstruieren, von den Schreibern und Besitzern der Bücher über die Bibliotheken, in denen sie überliefert sind bis zu den Intentionen der Kombination von Graphiken mit Texten.

Im ersten Teil der Arbeit werden einzelne historische Bibliotheken, in deren Handschriften sich Bilddrucke in größerer Zahl finden oder rekonstruieren lassen, exemplarisch ausgewertet. Gemäß den Überlieferungsbedingungen sind dies vor allem Klosterbüchereien. Das Nürnberger Dominikanerinnenkloster, das schwäbische Augustiner-Chorfrauenstift Inzigkofen sowie die Benediktinerabteien Tegernsee, St. Emmeram und Kastl werden auf ihrer Besitz an Druckgraphiken hin untersucht. Durch die genaue Analyse unter Einbezug der Kodikologie, Text- und Bibliotheksgeschichte läßt sich zeigen, daß die Auswahl und Verwendung der Graphiken meist sehr genauen Überlegungen über die Funktion und das Zusammenspiel mit den zu illustrierenden Texten folgte. In einzelnen Fällen lassen sich über die Arbeitsmethoden und Vorlieben bestimmter Schreiber und Schreiberinnen detaillierte Bilder zeichnen. Auch die Wege vieler graphischer Blätter können verfolgt werden – so etwa im Falle des Nürnberger Dominikanerinnenklosters der Austausch zwischen den Mönchen und Nonnen des Ordens sowie der Schwestern untereinander, die Funktion der kleinen Bilder als Geschenke und Medium der Kommunikation also.

Die Rekonstruktion der Bibliotheksgeschichte und der gesamten Buchproduktion dieser Klöster ergibt, daß die Verwendung der Druckgraphiken in allen Fällen Hand in Hand mit einem Aufschwung der Schreibtätigkeit und einer Expansion der Bibliotheken im Zuge der Ordensreformen des 15. Jahrhunderts ging. Parallel zum neuen Bedarf an Texten zeigt sich ein neues Bedürfnis nach Bildern. Gerade in dieser Situation erwies sich das neue Medium des gedruckten, d.h. vorgefertigten Bildes als besonders geeignet: In diesen Ordenshäusern, die nicht mehr über eigene funktionierende Buchmalerwerkstätten verfügten, gewannen die universal einsetzbaren und ohne Organisationsaufwand verwendbaren Bilddrucke große Bedeutung für die Handschriftenillustration.

Das gilt auch für den Bereich der professionellen Schreiber außerhalb der Klöster, denen ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Bezeichnend für das Experimentieren mit neuen Formen der Serienproduktion von Büchern durch die Kombination von manuellen und mechanischen Vervielfältigungsmethoden sind besonders die Heilsspiegel, die der Münchner Lohnschreiber Leonhard Taichstetter durch das Eindrucken von Holzschnitten in die von ihm von Hand geschriebenen Bücher produzierte.

Dieses Neben- und Miteinander von traditioneller handschriftlicher Textreproduktion und mechanischer Bildvervielfältigung wird im zweiten Teil der Arbeit an Beispiel eines bestimmten Buchtyps aufgezeigt. Vor allem aus Fragmenten läßt sich rekonstruieren, daß ab der Mitte des 15. Jahrhunderts in größerer Zahl Gebetbüchlein auftauchen, die in genau geplanter Kombination von Holz- und Metallschnittzyklen v.a. der Passion Christi und handgeschriebenen Andachtstexten in Serie hergestellt wurden. Diese Fragmente werden textkritisch untersucht, um die Zusammengehörigkeiten und Abhängigkeiten nachzuweisen. Das Ergebnis fügt sich zu den neueren Erkenntnissen der buchgeschichtlichen Forschung, die nicht mehr von einer Revolution des Buchwesens durch die Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg ausgeht, sondern von einer nur langsamen Ablösung der traditionellen manuellen Produktion und einem Nebeneinander der verschiedenen Vervielfältigungsmethoden. Gerade die hier untersuchte Gruppe von druckgraphisch illustrierten Gebetbüchlein belegt die um die Mitte des 15. Jahrhunderts einsetzende Phase des Experimentierens mit verschiedenen Bild- und Textmedien und Reproduktionstechniken.

Damit vermag die Auswertung von Handschriften als Überlieferungsträger von Druckgraphik nicht nur deren "Sitz im Leben" anschaulich zu machen, sondern auch die Position des vervielfältigten Bildes innerhalb der Mediengeschichte des 15. Jahrhunderts zu präzisieren. Sie wird in dieser Studie erkennbar als Teil der komplexen Veränderungsprozesse zwischen manueller und mechanischer Vervielfältigung von Text und Bild, die Literatur-, Buch und Kunstgeschichte an der Schwelle zur Neuzeit gleichermaßen bestimmen.



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